Flugschreiber eines Menschen

Das Herz ist so etwas wie der Flugschreiber eines Menschen oder anders gesagt: sein Gewissen. Ein pochendes Herz kann auf Gewissensbisse deuten  Das Außer-sich-Geraten eines Menschen wurde im Alten Ägypten als Herzensverlassenheit umschrieben. Die Abbildung zeigt einen von der Sphinx niedergetretenen Feind, der sein Herz in der Hand hält, das aus seinem Körper herausgetreten ist. Man stellte sich vor, dass das Herz vom Totenrichter Osiris dereinst einer strengen Prüfung unterzogen wird Beschwörungen auf Amuletten sollten die Verstorbenen gegen verhängnisvolle Herzensbekenntnisse schützen.

Ein wirklich weiser Mensch wünschte sich aber schon zu Lebzeiten ein ruhiges, reines Herz, das sich im Leib wohl fühlt. Nur so ist es in der Lage, seine eigentliche Aufgabe zu erfüllen, die in einer ägyptischen  Darlegung so beschrieben wird: «Das Sehen der Augen, das Hören der Ohren, das Riechen der Nase: sie erstatten dem Herzen Meldung. Das Herz aber ist es, das jede Erkenntnis entstehen lässt; die Zunge ist es dann, die wiederholt, was vom Herzen erdacht wurde.» Nichts konnte einen Regenten also mehr adeln, als der Wunsch nach einem «hörenden Herz», nach einem Verstand, der in der Lage ist, die Sinneseindrücke aufzunehmen, zu verarbeiten und sprachlich angemessen wiederzugeben. Der Ausdruck findet sich bereits um 1360 v. Chr. in der Autobiographie eines hohen ägyptischen Beamten: «Ich bin ein wahrhaft Hervorragender unter allen Menschen, einer mit hörendem Herzen, wenn er einen Rat sucht bei Fremdartigem wie einer, dessen Herz dabei war.»

Wilf Conrady

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